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Säkuläre Literatur

Teil 1: Russische Autoren

Im letzten Newsletter von ceBooks.de wurde ein Buch beworben mit dem Titel Väter und Söhne„. Der Titel erinnerte mich an einen Roman des russischen Schriftstellers I.S. Turgenjew, den ich aber leider nie gelesen habe. Dennoch glaube ich, dass es in der russischen klassischen Literatur auch für den Christen viel Lesenswertes zu entdecken gibt. Heute möchte ich eine Kostprobe davon geben. Dabei stelle ich nur Werke vor, die ich tatsächlich gelesen habe.

Natürlich kann man hier nicht an Dostojewski vorbeigehen, diesem Genie und sicherlich international bekanntesten russischen Schriftsteller. „Schuld und Sühne“, bzw. wie es neu besser übersetzt wurde „Verbrechen und Strafe“ schildert hierbei einen moralisch an sich selbst anspruchsvollen aber eben auch labilen Jugendlichen, der aus verschiedenen Gründen mit der Axt eine alte und überaus unfreundliche Pfandleiherin und ihre Schwester ermordet. Nun hört sich das nach einem Krimi an, Dostojewski gelingt jedoch eine brillante Darstellung der unerträglichen Gewissensqualen des Mörders Raskolnikov: Hier, wie überhaupt ständig in der russischen Literatur, sollte man zudem bedenken, dass alle vorkommenden Orts- und vor allem Personennamen gezielt gewählt sind.  So bedeutet auch der Name des tragischen Helden, „der Gespaltene“.

Russiche Autoren bieten also bereits in der Benennung der Protagonisten und ihrer Mitstreiter einen Schlüssel zur möglichen Interpretation an. Parallel zu diesem Plot entwickelt Dostojewski im Roman zahlreiche weitere Stränge, die ein umfangreiches Bild vom Russland des 19. Jahrhunderts zeichnen. Kein Wunder, wurde Dostojewksi doch pro gedrucktes Wort bezahlt, sind seine Werke oftmals monumental.

Was mir an russischen Autoren besonders zusagt, ist, dass diese sehr viel dafür litten. So wurde Dostojewski verhaftet und zum Tode verurteilt, weil er in einem Literaturklub das Schreiben des bekannten Literaturkritikers Belinski zum Tode Gogols vorlas. Erst kurz vor der Exekution, auf Dostojewski waren bereits die Gewehre gerichtet, wurde er begnadigt und die Todesstrafe durch zehn Jahre Straflager ersetzt. Dieses tiefe persönliche Leiden spiegelt sich in Dostojewskis Werken wieder. Ein Vergleich mit Goethe, der schon zu Lebzeiten als Held verehrt wurde, ist somit nie möglich. Doch genau ihre Schmach macht mir die russischen Autoren so sympatisch.

Bedeutend an Schuld und Sühne ist einerseits, dass dies der erste russische Roman ist, der dem Realismus zuzuordnen ist. Bis dahin war es mehr als unüblich über das „einfache Volk“ zu schreiben. Ein gutes Buch musste Adlige zu Protagonisten haben (Ich gebe zu sehr plump ausgedrückt und jeder gute Literat wird mich der Oberflächlichkeit strafen für diese Aussage). Andererseits geht Dostojewski aber bereits über die üblichen Formen des Realismus hinaus, und wird vor allem wegen diesem Werk bereits als ein Vorbild von Kafka gesehen.

Dass dies Dostojewski überhaupt ermöglicht wurde, ist vor allem I.N. Gontscharow zu verdanken, der mit „Oblomow“ ein sehr ungewöhnliches Werk vorlegte: Der Protagonist Oblomow (übersetzt in etwa, „der Gefoppte“, bzw. „der Gescheiterte“) scheitert an den eigenen Idealen. Große Wünsche und Ideale schwirren durch die Gedanken Oblomows, doch scheitert es an Mut diese umzusetzen. Dies wird schon dadurch deutlich, dass Oblomow erst auf Seite 120 (!) es endlich schafft, sich aus dem Bett aufzurichten. Genial ist die Szene in der er sich nicht traut seine Verlobte zu bitten, ein Lied zu spielen, da er sonst befürchtet sie tadeln zu müssen, wenn ihm das Lied nicht zusagt. Des Weiteren genial ist der Antityp Oblomows, ein Deutscher mit Namen „Stolz“ (Die Interpretation sollte hier nicht schwer fallen). Oblomow ist somit das Eintrittswert in den russischen Realismus

Jedoch hat die russische Literatur noch viel mehr zu bieten, so z. B. N. Gogol. Bekannt dürften vor allem „Die toten Seelen“ sein. Ein Autor der Romantik ist in seinem Stil in etwa vergleichbar mit E. T. A. Hoffmann. In Deutschland weniger bekannte Werke Gogols, wie „Taras Bulba“ oder „Der Revisor“ zeigen, warum Gogol so ein genialer Autor war. Auch die Erzählung „Die Nase“ ist sehr lesenswert. Mit soviel Zynik und versteckten Andeutung an die russische Bürokratie kann man einfach nicht rechnen. Der Plot: „Die Nase“ beschreibt einen altgediegenen Beamten, der plötzlich eines Morgens ohne Nase aufwacht und nur noch feststellt, wie diese in einer Kutsche davonfährt.

Sehr angetan hat mir die Erzählung“Fürst Serebrjaniy“ von Aleksei (nein nicht Lew!) Tolstoi. Dabei handelt es sich um einen historischen Roman, der die Zeit Iwan des Schrecklichen ziemlich authentisch und dabei aber sehr spannend schildert.

Ein gewisser N. Leskow fasziniert mich besonders. Ein kurzer Auszug aus Wikipedia verdeutlicht dies: „Seine Erzählungen und Romane sind einerseits realistisch und oft volkstümlich, haben jedoch auch einen starken symbolistischen Einschlag, was sich gerade dadurch zeigt, dass Leskow traditionelle religiöse Erzählformen wie die Legende aufgriff und auch sonst gerne mystische oder märchenhafte Elemente in seine Stoffe verwob. Leskows Werk, das schwer zu übersetzen ist (besonders gelungen sind die Übersetzungen von Johannes von Guenther), zeichnet sich durch Umgangssprache und Dialektfärbung aus, wodurch es ihm gelang, zum einen die russische Literatursprache zu erweitern und gleichzeitig neue Aspekte des Alltagslebens gerade der einfachen Menschen einzufangen. Eine besondere Qualität erblickt die Literaturwissenschaft in seinem Stil der mündlichen Erzählung (im russischen Skaz genannt).“

Wenn man nur ein russisches Buch lesen möchte, sollte man unbedingt von Leskows‘ Der Linkshänder – Die Geschichte vom Tulaer schielenden Linkshänder und vom stählernen Floh lesen. Das Werk schildert die russische Rüstungsindustrie zur Zeit der Krim-Kriege. Tut dies aber in einer verträumten geradezu märchenhaften Weise. Im großen und ganzen geht es um einen schielenden Linkshändler, dem es gelingt einen Floh mit Hufeisen zu versehen. Eine überaus herrliche Erzählung.

Eine künstlerische Darstellung des Duells von Puschkin

Zum Schluss: Zwar sind Tolstoi und Dostojewski außerhalb Russlands die Autoren, die man als erstes wahrnimmt, jedoch ist für jeden Russen ganz klar, dass der größte russische Schriftsteller selbstverständlich A.S. Puschkin ist. Der Enkel eines von dem russischen Zaren begnadigten äthiopischen (!) Sklaven, war der erste, der sich in der Napoleonischen Ära dem Trend entgegensetzte, auf Französischen zu schreiben. Puschkin war der erste russische Autor, der auch die russische Sprache förderte. Seine These: Warum sollten unsere Werke in der Sprache des Feindes geschrieben werden.  Er ist von seiner Art her vergleichbar mit Goethe und auch seinem Ideal eines Universalgenies. Leider verstarb er äußerst früh bei einem Duell, dadurch kam seine künstlerische Fähigkeit nicht zur völligen Entfaltung.  Sein Werk umfasst Romane, Prosa, Erzählungen, Gedichte und Märchen. Er legte auch die Grundlegung für eine besonders in Russland verbreiteten Erzählart: Romane in Versform, hier z. B. „Ruslan und Ludmila“ oder „Eugen Onegin“.

Mir persönlich haben von Puschkin jedoch vor allem seine Gedichte aber auch seine Märchen zugesagt (vgl. auch den Artikel zu den Märchen hier im Blog). Somit zum Abschluss ein Gedicht von Puschkin:

Ein Denkmal schuf ich mir, kein menschenhanderzeugtes,
Des Volkes Pfad zu ihm wird nie verwachsen sein,
Und höher ragt sein Haupt empor, sein nie gebeugtes,
Als Alexanders Mal aus Stein.

Nein, gänzlich sterb‘ ich nicht: die Seele lebt im Liede
Noch fort, wenn ihr den Staub dem Staube übergebt,
Und preisen wird man mich, solange noch hienieden
Auch nur ein einz’ger Dichter lebt.

Mein Ruf dringt bis ans End‘ der russischen Gefilde
Und hallt von jedem Stamm, der sie bewohnt, zurück:
Mich nennt der Slawe stolz und auch der heut noch wilde
Tunguse, Finne und Kalmück.

Und lange wird vom Volk mir Liebe noch erwiesen,
Weil mein Gesang erweckt Gefühle echt und tief,
Weil ich in grauser Zeit die Freiheit kühn gepriesen
Und Gnade für Gestürzte rief.

Gehorsam, Muse, sei dem göttlichen Befehle,
Die Kränkung fürchte nicht, verlange keinen Kranz,
Lob und Verleumdung trag mit ungerührter Seele
Und rechte nicht mit Ignoranz.

Kategorie: Literatur

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Hallo, ich bin Sergej und lese vor allem Bücher aus vergangenen Zeiten. An Sachbüchern und Biographien bin ich besonders interessiert. Meine Frau Elvira und ich wohnen mit 3 Kindern in der Herrnhuter Stadt Königsfeld im Schwarzwald.

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