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Rezension: Dein Wort war mir zu mächtig – Die Bekenntnisse des Propheten Jeremia

Von Helmut Lamparter

Helmut Lamparter (1912-1991) war ein evangelisch-lutherischer Theologe der Nachkriegszeit. Neben seinem Jeremia-Kommentar „Prophet wider Willen“ in der Reihe „Die Botschaft des Alten Testaments“ beleuchtet er mit diesem Buch auf knappen 79 Seiten in allgemeinverständlicher Sprache die sogenannten Bekenntnisse oder Klagen des Propheten Jeremia. Die verschriftlichten Auslegungen der Bekenntnisse wurden ursprünglich auf einer Studientagung für Vikare der Württembergischen Landeskirche als Andacht gehalten und sind als Buch ein Jahr später herausgegeben worden, mit dem Ziel, diejenigen, „die als Prediger in ihrem Amt verzagen, eine Ermutigung und Hilfe“ (S. 6) zu sein. Außerdem will der Autor anhand der Bekenntnisse zeigen, dass „zum Boten- und Zeugendienst für den lebendigen Gott die Anfechtung wesensmäßig hinzugehört und wie schwer diese Anfechtung werden kann“ (S. 16).

Das Buch ist in neuen Kapitel gegliedert, wobei die ersten beiden Kapitel auf die Berufung des Propheten eingehen und die weiteren sieben Kapitel die Bekenntnisse auslegen. Die Kapitel werden mit einer Anwendung auf heutige Prediger abgerundet und enden jeweils mit einem Liedvers aus dem evang. Kirchengesangbuch. Lamparter nimmt in seinen Ausführungen zu den sonst üblichen fünf Bekenntnissen, die sich zwischen Jeremia Kapitel 11 und 20 befinden, noch die Klage in Jeremia 8,18-23 hinzu. Außerdem behandelt er das fünfte Bekenntnis aus Jeremia 20 in zwei Kapiteln und kommt somit auf insgesamt sieben Klagen.

Auch wenn der Verfasser auf die Frage der Entstehung des Buches Jeremia nicht detailliert eingeht, kann aus seinen Randbemerkungen entnommen werden, dass er wahrscheinlich ein Anhänger des „Fortschreibungsmodells“ ist. So heißt es unter anderem auf Seite 10, wo Lamparter der Frage nachgeht, in welchem Zusammenhang Jeremia seine Bekenntnisse aufschrieb: „Man darf annehmen, daß Baruch, der Freund und Schüler Jeremias, diese Aufzeichnungen im Nachlaß des Propheten vorgefunden und sie in die Schriftrolle eingefügt hat, die — durch mannigfache Zusätze erweitert — als das Buch Jeremia auf uns gekommen ist“ (S. 10).

Beim Rachegebet in Jeremia 18 – welches er am liebsten übergangen hätte – kommt er zu dem Entschluss: „… die Meinung, daß die Bibel in jedem Satz Gottes Wort sei, wird hier gründlich widerlegt. Wer sie genau liest, merkt sehr bald, daß sie auch menschliche, sehr menschliche Worte enthält, nicht nur was ihr sprachliches Gewand, auch was den Inhalt betrifft“ (S. 60). Er ist geneigt diese Verwünschungen des Propheten seiner menschlichen Schwäche zuzuordnen, die zwar in diesem Zusammenhang nachvollziehbar, aber keines Falls nachahmenswert sind.  „Es ist ein gnadenloses Gebet, das kein Jünger Christi nachsprechen kann, nachdem Jesus Christus selber am Kreuz für Seine Mörder die Vergebung Gottes erbeten hat (Lukas 23, 34)“ (S. 63). Es mag aus neutestamentlicher Sicht befremdend klingen und Lamparter erinnert zurecht an das Gebot der Feindesliebe, doch sind Jeremias Aussagen keineswegs Rachegedanken aus persönlichem Beleidigtsein. Helmut Egelkraut weist in seiner Einführung „Das Alte Testament – Entstehung – Geschichte -Botschaft“ auch in Bezug auf Offb 6,10f darauf hin, dass Jeremias Gebet ein Ringen nach Recht ist: „Rächen bedeutet hier Recht schaffen. … So sind auch diese uns ungewohnten Gebete Ausdruck tiefen Vertrauens“ (S. 916f).

Ungeachtet dessen betont Lamparter immer wieder die Autorität des Wortes Gottes und die Notwendigkeit der völligen Unterwerfung unter Gottes Wahrheit. Er lässt keinen Zweifel daran, „daß die uns anvertraute Botschaft nicht von Menschen erdacht und ausgeklügelt wurde“ (S. 77). Immer dann, wenn er seine Leser persönlich anspricht, bekräftigt er die Macht des Wortes Gottes und betont, dass jegliches Ausweichen vor Gottes Botschaft oder die Reduktion des Wortes Gottes nach eigenem Belieben nicht erlaubt ist.

Der Autor versucht, alles konsequent aus der Bibel zu erklären. Auch wenn sich die Anwendungen in der Regel auf Prediger beziehen, kann jeder Bibelleser einen großen Gewinn aus diesem zeitlosen Buch erhalten. Ich habe das Buch als Einführung vor der Lektüre des ganzen Propheten gelesen und es gab mir einen guten Einblick in das Leben Jeremias und die Schwere seines Auftrags. Auf diesem Hintergrund sind auch die ganzen Gerichtsworte und Erzählungen im Jeremiabuch für mich leichter zugänglich gewesen.

Wer dieses Buch liest, wird viel über die Person Jeremias erfahren und sich in seine Lage versetzen können. Auch wenn wahrscheinlich junge Vikare oder Prediger in der Ausbildung noch nicht in der Weise Jeremias die Last des Wortes Gottes gespürt haben, hinterlässt dieses Buch einen tiefen Eindruck und deckt die Verantwortung, Ernsthaftigkeit und die Last der Verkündigung auf. Aber auch der interessierte Bibelleser, der nicht in öffentlicher Verkündigung steht, wird wahrscheinlich nach diesem Buch den Predigten in seiner Gemeinde mit einer geschärften Aufmerksamkeit lauschen. Denn Lamparter bleibt nicht bei den Bekenntnissen von damals stehen, die er in einer lebendigen und anschaulichen Weise betrachtet, sondern gibt am Ende eines jeden Kapitels weise Ratschläge, die jeden Leser persönlich ansprechen werden. Es ist wohltuend, jedes Kapitel andächtig mit einem Liedvers aus dem Evangelischen Kirchengesangbuch abzuschließen. Das gibt Zeit zur Besinnung, zum Innehalten und zum Ausblick hinweg von den Leiden und Klagen hin zum Trost in Gott.

Helmut Lamparter: Dein Wort war mir zu mächtig. Die Bekenntnisse des Propheten Jeremia, Metzingen, Verlag Ernst Franz Metzingen, 1965, 79 Seiten.

Kategorie: Bücher zur Bibel, Rezensionen

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NIMM UND LIES - dieser Aufforderung möchte ich selbst nachkommen und andere dazu motivieren und anleiten. NIMM UND LIES zuerst die Bibel und dann gute christliche Literatur. Denn beim Lesen lässt sich vortrefflich denken (nach Leo Tolstoi). Ich lebe mit meiner Frau und unseren drei Söhnen in Baden-Württemberg.

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