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Ich liebe Bücher!

Ralf Kaemper über seine Leidenschaft für Bücher

Schon als Kind ging ich regelmäßig in die Stadtbücherei. „Die fünf Freunde“ und „Die Schwarze Sieben“ von Enid Blyton habe ich ebenso verschlungen wie „Die drei Fragezeichen“ von Alfred Hitchcock. In der Zeit der Oberstufe kam die Auseinandersetzung mit der Literatur dazu. Es faszinierte mich, wenn Autoren wie Heinrich Böll, Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt grundsätzliche Fragen des Menschseins stellten. Wir – die Christen – hatten die Antworten. Leider kannten wir häufig die Fragen nicht mehr.

Ich war damals schon Christ. So wurde der Deutschunterricht zur Plattform fürs Zeugnisgeben. Ganz ungeplant und ohne Krampf. Das konnte sogar schriftlich – in Aufsätzen – geschehen. Mein Lehrer war Sozialdemokrat und überzeugter Atheist. Aber er war fair. Ich kann mich an manche Stunde erinnern, wo wir minutenlang zu zweit diskutierten. Die Klasse hörte gespannt zu.

Diese Zeit hat mich geprägt. In der Zeit der Auseinandersetzung wurde mein Glaube mein Glaube. Ich war gezwungen Antworten zu finden. Ich merkte, dass viele „christliche“ Aussagen lediglich Worthülsen waren, die ich nicht füllen konnte, weil ich sie nie wirklich verstanden und durchdacht hatte.

Geholfen haben mir damals, neben Gespräche mit unserem Jugendleiter, christliche Bücher. In der Gemeinde hörte man schon mal vom „blinden Glauben an Jesus“. Und dass wir nicht fragen, sondern glauben sollen.

Gerade die Bücher von Francis Schaeffer haben mich sehr geprägt. „Gott ist keine Illusion“, „Und er schweigt nicht“ und „Preisgabe der Vernunft“ habe ich regelrecht durchgearbeitet. Schaeffer schaffte es, sich kritisch aber offen mit dem Denken seiner Zeit auseinanderzusetzen ohne von seinem biblischen Standpunkt abzuweichen. Mich faszinierte seine Weite und Klarheit: Er verdammte die Kultur nicht einfach (alles „weltlich“!), sondern er versuchte zu verstehen und die Fragen zu hören. Und er gab Antworten, vom christlichen Standpunkt her. So fand er Anknüpfungspunkte in der Kunst, im Film, in der Literatur oder in der Musik. Und dabei wurde deutlich, wie aktuell die Botschaft der Bibel auch heute noch ist. Ich brauchte mich mit meinem Glauben nicht zu verstecken!

„Asche des Abendlandes“ von Os Guinnes half mir weiter meine Zeit zu verstehen und eine Position zu finden, die ich mit gutem Gewissen vertreten konnte. Später folgten die Bücher von C.S. Lewis. Nur auswendig gelernte richtige christliche Sätze und ein Zeugnis als geistliche Pflichterfüllung war mir immer zu wenig. Und Denkverbote haben mich immer abgestoßen. Wenn der christliche Glaube wahr ist, dann muss ich diese Wahrheit nicht schützen. Sie wird sich durchsetzen. „Denn wir vermögen nichts gegen die Wahrheit“, schreibt Paulus in 2.Kor 13,8.

Doch etwas irritierte mich: diese Autoren und Bücher begleiteten mich nur ein Stück auf meinem Weg. Dann musste ich alleine weiter und meinen eigenen Weg finden. Ich habe Schaeffers späten politischen Konservatismus nie ganz nachvollziehen können. Auch hat mich Manches bei C.S. Lewis befremdet. Aber das ist nur gut so, denn wir folgen ja nicht Menschen, sondern Jesus Christus.

Betrachte ich den deutschen christlichen Buchmarkt heute, wird mir ein bisschen wehmütig zumute und ich sehne mich nach der guten alten Zeit zurück (ich gehe ja mittlerweile auf die 40 zu). Noch nie gab es so viele neue christliche Bücher auf dem Markt wie heute. Und noch nie gab es so viel Harmloses und Unbedeutendes, das man nach einigen Monaten getrost vergessen wird und kann.

Der Trend zu Lebenshilfebücher ist ungebrochen. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass die gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten zurückgehen und immer mehr Christen – in allen Bereichen des Lebens – verunsichert sind. Der Titel „Was mache ich als Christ, wenn mein Hamster in die Toilette gefallen ist“ ist allerdings noch nicht erschienen …

Auch Lebensberichte christlicher Menschen lassen sich gut an den Gläubigen bringen. Der Titel „Ich war nicht immer ein Alphornbläser“ erscheint tatsächlich im September (kein Scherz!). Den Boom an christlichen Romanen habe ich nie ganz nachvollziehen können. Wenn ich mich entspannen will, lese ich lieber einen guten „weltlichen“ Krimi, als ein christliches Surrogat.

Die Rubrik „geistliches Leben“ läuft ebenfalls gut. Der durchschnittliche evangelikale Leser will Gott erfahren und fühlen. Er will sich dabei aber nicht mit schwieriger theologischer Literatur auseinandersetzen, sondern möchte lieber aufatmen – warum auch nicht. Praxis statt Theorie! Doch dieses polarisierende Motto ist weder durchdacht noch kann man damit leben.

„Evangelical correctness“ ist angesagt. Dumme Grundsätze wie: Lehre trennt –
Erfahrung eint, werden unkritisch nachgebetet. Thematisiert nicht die Unterschiede! Rede niemals über Konfessionsgrenzen und warum sie ihre Berechtigung haben könnten! Vergiß die Vergangenheit! Jesus wollte Einheit. Außerdem brauchen wir diese Einheit um unsere Auflagen abzusetzen. Damit ist der, der kritisch nachfragt sogar geschäftsschädigend, und wird als Fundamentalist abgestempelt. (Man hörte sogar davon, dass man versucht hat an den Stühlen derer zu sägen, die unbequeme Positionen zur Diskussion stellten.) Aber bleibt die Wahrheit dabei nicht manchmal auf der Strecke? Denkverbote gibt es nicht nur bei den Konservativen, sondern genauso bei den ach so aufgeschlossenen „Linken“.
Als Redakteur bekomme ich halbjährlich die Neuvorstellungen der christlichen evangelikalen Verlage auf den Tisch. Manche bringen es auf 30 bis 40 neue Titel. Was ist jedoch davon wirklich von Bedeutung? Häufig sind es nur zwei oder drei Titel, die mich interessieren – wenn überhaupt. (Aber wen interessiert hier eigentlich, was mich interessiert … ?)

Nein, ich habe nichts gegen Lebenshilfe, auch nichts gegen christliche Zeugnisse oder Bücher die uns helfen unser geistliches Leben zu gestalten. Nur kann das nicht alles sein. Die meisten der oben genannten Titel (außer C.S. Lewis) sind mittlerweile vergriffen. Sie könnten ihre Zeit überdauern, weil sie bedeutend sind und Gewicht haben, aber der Markt verweigert sich. Und natürlich können christliche Verleger nicht jenseits der Wirklichkeit des Marktes operieren.

Doch wir brauchen gute theologische Literatur, die uns hilft die Bibel zu verstehen – und zu übersetzen und anzuwenden in unserer Zeit. Dabei muss „theologisch“ nicht unbedingt „langweilig“ bedeuten (hier können wir manches von den Amerikanern lernen). Wir brauchen anspruchsvolle Bücher, weil nicht alle Probleme und Fragen einfach zu lösen sind. Wir brauchen Bücher, die uns helfen unsere Zeit zu verstehen. Nur wenn wir verstehen, werden wir auch verstanden.

Der oben genante Autor Os Guinnes schrieb 1995 ein Buch mit dem Titel „Fit Bodies – Fat Minds – Why Evangelicals don’t think & what to do about it“ (etwa: „Fitte Körper – Fette Köpfe – Warum die Evangelikalen nicht denken und was man dagegen tun kann“). Das macht eine weitere Notwendigkeit deutlich: Wir brauchen dann auch noch Leser! Christen, die diese Bücher kaufen und lesen. Ich träume sogar davon, dass bestimmte christliche Bücher tatsächlich ihren Weg auf den säkularen Mark finden und das Denken unserer Zeit beeinflussen. Utopisch? Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Der Autor, Ralf Kaemper, ist zusammen mit Dieter Ziegeler für die Redaktion der Zeitschrift PERSPEKTIVE (Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg) verantwortlich. Außerdem ist er im Reisedienst der „Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden“ tätig.

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