Sachbücher

Buchempfehlung: Gefährliche Stille!

Wie die Mystik die Evangelikalen erobern will

256226_z1Das Jahr der Stil­le geht sei­nem Ende ent­ge­gen. Noch knap­pe drei Mona­te und dann darf es wie­der lau­ter wer­den. Nun ja, viel­leicht nicht lau­ter, aber zumin­dest wird das The­ma in der evan­ge­li­ka­len Öffent­lich­keit nicht mehr so breit behan­delt. Wer sich auf der Sei­te des Medi­en­kon­zerns SCM umschaut, ent­deckt dut­zen­de neue Bücher und Acces­soire zur Stil­le. Inter­es­sant in die­sem Zusam­men­hang, dass das ein­zi­ge Buch, wel­ches sich kri­tisch mit dem The­ma befasst, von SCM boy­kot­tiert wird. Grund genug, dass Buch näher anzu­schau­en …

Das Buch besteht aus 7 eigent­li­chen Kapi­tel und zwei Anhän­gen. Ver­fasst haben die Bei­trä­ge ver­schie­de­ne Auto­ren des Maleachi-Krei­ses.

Ein­lei­tend beginnt Ulrich Skam­braks mit der Fest­stel­lung, wie akut not­wen­dig Stil­le in unse­rem Leben gewor­den ist. Unser Leben läuft immer schnel­ler an uns vor­bei. Ruhe­pau­sen sind „unpro­duk­ti­ve“ Zeit­die­be und haben wenig Chan­cen in unse­rem täg­li­chen Dasein. Des­halb raten Psy­cho­the­ra­peu­ten dazu, das Leben zu „ent­schleu­ni­gen“, also zu ver­lang­sa­men.

Wei­ter beschreibt er die Pro­jekt­idee hin­ter dem „Jahr der Stil­le“. Den Start­schuss, den Lei­tungs­kreis und das Ide­en­heft zum „Jahr der Stil­le 2010“. Beson­ders dem Ide­en­heft und den Per­so­nen und Über­zeu­gun­gen, die im Heft ver­tre­ten sind, wid­met Skam­braks sei­ne Auf­merk­sam­keit.

Im zwei­ten Kapi­tel „Trü­ge­ri­sche Stil­le…“ beginnt Wolf­gang Nest­vo­gel mit einer Vor­stel­lung:

Ein „nor­ma­ler Evan­ge­li­ka­ler“ aus dem Jahr (sagen wir) 1976, treu­es Mit­glied einer Lan­des­kirchlichen Gemein­schaft oder frei­en Gemein­de, regel­mä­ßi­ger Teil­neh­mer an Ver­an­stal­tun­gen der Evan­ge­li­schen Alli­anz, fällt plötz­lich in ein Koma. Er bekommt nicht mit, was sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten inner­halb der christ­li­chen Sze­ne in Deutsch­land ver­än­dert. Im Jahr 2010 wacht er wie­der auf, besucht wie in frü­he­ren Jah­ren den Got­tes­dienst sei­ner Gemein­de, erfährt von aktu­el­len Ange­bo­ten der jet­zi­gen Evan­ge­li­schen Alli­anz, erhält Ein­la­dun­gen zu Kon­gres­sen von Wil­low Creek und Emer­ging Church, bekommt ein Abon­ne­ment der Zeit­schrift Auf­at­men und hört begeis­ter­te Vor­be­rich­te von den geplan­ten Aktio­nen zum Jahr der Stil­le. Ich wage zu behaup­ten: Die­ser Mensch fin­det sich nicht mehr zurecht.“ S. 81

Die­se Vor­stel­lung macht die gro­ße Wand­lung deut­lich, die die evan­ge­li­ka­len in den letz­ten 40 Jah­ren durch­lebt haben. Nest­vo­gel bemüht sich um Ursa­chen­for­schung. Dabei nennt er drei wesent­li­che Grün­de:

1. Der ver­lo­re­ne Kom­pass (der Ver­lust der Ver­bind­lich­keit in der Leh­re)

2. Der ver­lo­re­ne Mut

Nicht alle ver­ken­nen das inhalt­li­che Pro­blem beim Jahr der Stil­le.

Eigent­lich müss­ten die­se Ein­sich­ti­gen jetzt aktiv wer­den. Sie müss­ten in ihrem Umfeld, in ihrer Gemein­de, in ihrem Haus­kreis durch soli­de Infor­ma­ti­on und fai­re Erläu­te­run­gen auf die Pro­ble­ma­tik des Pro­jek­tes hin­wei­sen. Sie müss­ten sich erkenn­bar posi­tio­nie­ren. Hier ver­lässt vie­le der Mut. Auch man­cher, der in den evan­ge­li­ka­len Rei­hen Ver­trau­en genießt und sich durch einen treu­en Dienst in vie­len Jah­ren bewährt hat, äußert sich nicht (mehr), obwohl er öffent­lich Gehör fin­den wür­de. Die Suche nach den Grün­den bleibt spe­ku­la­tiv. S. 90

3. Die ver­lo­re­ne Gemein­schaft

Umso drin­gen­der wird das Anlie­gen einer neu­en, bibel­treu­en Samm­lungs­be­we­gung, wie immer man sie auch nen­nen mag. Wenn nicht jetzt, wann dann? S. 95

Roland Ant­hol­zer gibt einen Ein­blick in das Span­nungs­feld zwi­schen „Couch und Kreuz“. Also Psy­cho­lo­gie und christ­li­cher Seel­sor­ge.

In den Kapi­teln „Stil­le in der Bibel“ und „Stil­le mit der Bibel“ geben die Auto­ren bibli­sche Anlei­tung um Stil­le und Ruhe in Gott zu fin­den. Dabei fällt Eber­hard Plat­te mit sei­nem posi­ti­ven Umgang mit dem Stil­le­jahr auf.

Lau­fen wir nicht vor der Stil­le weg, son­dern ler­nen es neu, vor Gott und in der Beschäf­ti­gung mit sei­nem Wort zur Ruhe zu kom­men. S. 130

Johan­nes Pflaum gibt dabei in „Stil­le mit der Bibel“ Hil­fe­stel­lung, wie das gelin­gen kann.

Eine Hil­fe zum bes­se­ren Ver­ständ­nis kön­nen ein­fach Fra­gen zum Text sein. Bei­spiels­wei­se der soge­nann­ten POT­ZEK-Schlüs­sel. Um wel­che Per­so­nen geht es in die­sem Text? An wel­chem Ort han­delt der Text? Was ist das The­ma das Tex­tes? In wel­che Zeit gehört der Text? Wel­che Ereig­nis­se fin­den statt? Und was ist der Kern des Tex­tes? […] All dies wird zum Gewinn, wenn wir es mit einer inne­ren beten­den Hal­tung tun, mit dem Wunsch, dass unser Herr selbst durch sein Wort zu sei­nem Knecht oder sei­ner Magd spricht. S. 140

Als Lei­ter der Emma­us-Fern­bi­bel­schu­le gibt Mar­tin Ved­der prak­ti­sche Anlei­tung zum erhör­li­chen Gebet. Zu oft sind wir gera­de was das Gebet angeht einem Irr­glau­ben erle­gen. Ved­der zeigt dabei auf, was erhör­li­ches Gebet ver­hin­dern kann und wie erhör­li­che Gebe­te zustan­de kom­men.

Im sieb­ten Kapi­tel erzählt Lothar Schä­fer von sei­nem per­sön­li­chen „Jahr der Stil­le“. Dabei geht es um eine schwe­re Krank­heit, die er aus­ku­rie­ren muss­te. Dies zwang ihn zu mehr Stil­le und Ruhe in sei­nem Leben.

In den bei­den Anhän­gen geht Ulrich Skam­braks auf die The­men „Bibel und Anbe­tungs­tanz“ und „Das Her­zens­ge­bet“ ein.

Meh­re­re Auto­ren waren an die­sem Buch betei­ligt. Und so unter­schied­lich die The­men sind, so auch der Schreib­stil. Ganz beson­ders gut hat mir „Trü­ge­ri­sche Stil­le…“ von Wolf­gang Nest­vo­gel gefal­len. Auch Mar­tin Ved­der hat eine beson­ders gut les­ba­ren Bei­trag geschrie­ben. Etwas anspruchs­vol­ler, auch von der Mate­rie, ist „Zur Ruhe kom­men – auf der Couch oder am Kreuz?. Ins­ge­samt aber gut geschrie­ben. Und das Cover in weiß sieht klas­se aus.

Der Her­aus­ge­ber die­ses Buches ist der Maleachi-Kreis.
Sich selbst beschreibt sich die­ser Zusam­men­schluss als „ein Arbeits­kreis für Glau­bens­stär­kung in Leh­re und Leben.“ Zum Kreis gehö­ren „bibel­treue Ver­ant­wort­li­che aus dem evan­ge­li­ka­len Raum“. Es ist zu ver­mu­ten, dass die Ver­ant­wort­li­chen aus die­sem losen Ver­bund wei­te­re Bücher her­aus­ge­ben wer­den.

Ich muss zuge­ben, dass ich nicht ohne Vor­ur­teil mit der Lek­tü­re begann. Vor eini­gen Jah­ren besuch­te ich einen Maleachi-Tag im Bibel-und Erho­lungs­heim Hohe­g­re­te. Der Tag blieb mir posi­tiv in Erin­ne­rung. Durch Besu­che der „End­zeit aktuell“-Thementage im glei­chen Hau­se hör­te ich Vor­trä­ge zum The­ma Mys­tik und Evan­ge­li­ka­le.

Somit betrach­te­te ich das offi­zi­el­le Heft zur Stil­le kri­tisch, als es bei mir per Post ein­ging.

Die­ses Buch muss als wert­vol­les Buch bezeich­net wer­den. Es ist bedau­er­lich, dass der größ­te christ­li­che Ver­lags­ver­bund SCM die­ses Buch boy­kot­tiert. Denn lieb­lo­se Kri­tik ist hier nicht zu fin­den. Ganz im Gegen­teil. Es hat mich zudem posi­tiv über­rascht, dass nicht nur Kri­tik geübt wird, son­dern auch meh­re­re erbau­li­che Bei­trä­ge zur Stil­le und Gemein­schaft mit Gott zu fin­den sind.

Ich wün­sche mir, dass die „nor­ma­len Chris­ten“ sich durch die Bevor­mun­dung der SCM nicht abhal­ten las­sen, ein eige­nes Urteil zu bil­den. Und die­ses Buch lesen.

Titel: Gefähr­li­che Stil­le
Autor: Maleachi-Kreis (Hrsg.)
Sei­ten: 224
Ein­band: Paper­back
For­mat: 13,5 cm x 20,5 cm
Ver­lag: CLV
Jahr: 1. Auf­la­ge 2010
Preis: 6,90 EUR
erhält­lich: CLV