Mission und Evangelisation
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Buchrezension: Das erste Lernfeld der Mission (englisch)

von Thomas K. Johnson

Thomas K. Johnson. The First Step in Missions Training. How our Neighbors are Wrestling with God’s General Revelation. VKW: Bonn, 2014. 145 Seiten. Kostenloser Online-Download.

Ich kann mich gut an die Vorlesung mit Thomas Johnson erinnern. Er sass auf dem Pult und las aus seinem Manuskript vor. Alle hörten aufmerksam zu. Die Doktoranden aus verschiedenen Kontinenten waren voll dabei. Es betraf alle im Raum. Um was ging es?

Es ging um die Frage: Was ist das erste Lernfeld für die Mission? Nein, es ist weder singen, schwimmen noch Dauerwandern, wie es der Apostel Paulus unter Beweis stellen musste. Ein humorvoller Auftakt für ein tiefschürfendes Buch. Johnson will neues Licht auf Römer 1 und 2 werfen, und zwar – das mag erstaunen – gerade im Hinblick auf die Mission. Dies soll vor der doppelten Falle bewahren, entweder auf die Seite des theologischen Liberalismus oder die der ungesunden Weltflucht zu kippen. Beide Reaktionen sind so verständlich wie unglücklich angesichts der nominellen Übermacht der säkularen Umgebung (14).

Im Buch wird von Beginn weg von „Allgemeiner Offenbarung“ (General Revelation) gesprochen. Wie definiert Johnson diesen Begriff? Sie ist Gottes Offenbarung, die durch die Schöpfung zu allen Menschen ergeht. Für diese Kenntnis werden alle einmal zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig macht sie menschliches Leben und Kulturbildung überhaupt möglich.

Der Autor geht zuerst Röm. 1,16 – 2,5 entlang und fördert erstaunliche Erkenntnisse zutage. Zweitens geht es ihm darum, aufgrund dieser Analyse die menschliche Verfassung besser zu verstehen. Diese wird im dritten Schritt durch Anwendungen in das Gebiet der Philosophie, Religion und Ethik konkretisiert. Abgerundet wird das Buch durch Fragen und einem Anhang bezüglich natürlichem Moralgesetz (Natural Moral Law). Das Buch ist mit wenigen Fussnoten gesehen. Diese Anmerkungen sind meist nicht technischer, sondern persönlicher Natur.

Wofür ist der Römerbrief geschrieben worden? Er ist ein Motivationsschreiben für Mission, wie es Anfang und Schluss deutlich zeigen (Röm. 1,1–15 und Röm. 15,14–16,27). In der ersten These geht Johnson auf den göttlich-menschlichen Konflikt ein, der Hintergrund jeder menschlichen Erfahrung unabhängig von Kultur und Religion bildet. Es handelt sich um einen schrecklichen inneren Widerspruch: Jeder Mensch kennt Gott, und gleichzeitig kennt er ihn nicht. Es gibt nämlich nur zwei Typen von Gotteskenntnis: Akzeptierte oder zurückgewiesene. Was hat Gott denn allen Menschen gezeigt (21)? Paulus erwähnt Gottes unsichtbare Macht (Röm. 1,20), die unsichtbare göttliche Natur (Röm. 1,20), die Forderungen von Gottes Moralgesetz (Röm. 1,32), das natürliche Schema zu leben (1,27), das Bewusstsein, dass Menschen Bestrafung für ihre Sünden verdienen (Röm. 1,32), ein Bewusstsein für die menschliche Würde, welche andere Menschen verdienen (Röm. 1,29–32) sowie ein Bewusstsein für die guten Gaben Gottes im Alltag (Röm. 2,1–5).

Im zweiten Kapitel fährt Johnson mit der Auslegung von Röm. 1,16–2,5 fort. Der Konflikt mit Gott ist zentraler Bestandteil menschlicher Existenz.  Gott nimmt nicht, wie viele annehmen, eine passive, sondern eine aktive Rolle ein: Er gibt die Menschen ihren sündigen Begierden hin (32). Eine gerade so wenig bedachte Schlussfolgerung ist diese: Wer in Gottes Ordnungen lebt, ermöglicht sich und anderen ein ehrbares Leben (33). Andernfalls wird sowohl er selbst wie auch sein Umfeld die zerstörerischen Folgen erleben müssen. Paulus erklärt dies am Beispiel der Homosexualität. Das Prinzip lässt sich jedoch auf die ganze Aufzählung in Römer 1,29–31 übertragen. Die Spitze des Selbstbetrugs formuliert Paulus in Römer 1,32: Die Menschen heissen Dinge gut, von denen sie wissen, dass sie nicht in Ordnung sind. In Röm. 2,1–5 wechselt die Perspektive: Es geht nun darum, wie gepredigt werden soll. Die Erfahrung von Gottes Reichtum an Güte (Röm. 2,4) ruft sie zur Busse auf! Es gibt nur eine adäquate Antwort auf die menschliche Verfassung, nämlich das unerschrockene Verkündigen des Evangeliums.

In einem kurzen, interessanten „Zwischenspiel“ blendet Johnson auf drei Verirrungen des 20. Jahrhunderts bezüglich Gottes Allgemeiner Offenbarung zurück: Den Deutschen Christen unter Hitler, welche die antigöttliche Ideologie des Despoten als göttliches Gesetz interpretierten; Karl Barths Zurückweisung der Allgemeinen Offenbarung (angesichts des Erbes des Kulturprotestantismus). Gerade das Erkennen des Übels des Nationalsozialismus durch viele Zeitgenossen ist der Allgemeinen Offenbarung zuzuschreiben! Die dritte Verirrung wird bei Karl Rahner (1904–1984) verortet, der die Allgemeine Offenbarung so ausweitete, dass er damit indirekt die Spezielle Offenbarung für überflüssig erklärte.

Im Licht der Aussagen von Paulus beginnen wir, Bereiche der menschlichen Erfahrung in ihrer Tiefe zu verstehen. Mit der Sichtweise der Speziellen Offenbarung ausgerüstet, erscheinen Aspekte der Allgemeinen Offenbarung in anderem Licht. Zuerst geht es um die universelle menschliche Erfahrung der Angst. Wie unmittelbar jeder davon betroffen ist, wird daran deutlich, dass die Aufmerksamkeit sofort ansteigt, so bald man über sie spricht. Johnson definiert Angst als „Bewusstsein unseres gefallenen Zustandes“ und der drohenden Folge, nämlich Gottes Zorn (54). Diese menschliche Reaktion ist Teil unserer Vorbereitung auf das Evangelium (57). Diese Verknüpfung zwischen den Fragen und Bedürfnissen der menschlichen Existenz auf der einen und der biblischen Offenbarung auf der anderen Seite beruhen auf der „Methode der Korrelation“, die Johnson im Anschluss an die Theologen Paul Tillich und Helmut anwendet. Johnson folgt der Typologie Tillichs, der zwischen moralischen, existenziellen und ontologischen Ängsten unterscheidet. Bei der ersten geht es um Angst vor Verurteilung und Verdammung, bei der zweiten um den Verlust von Sinn, bei der dritten um die grundsätzliche Bedrohung unseres Seins.

Nicht nur unsere Ängste korrelieren mit den Antworten der Bibel. Auch die grossen menschlichen Fragen sind durch die Allgemeine Offenbarung Gottes begründet und werden erst durch die Schrift umfassend beantwortet. Johnson geht auf zehn solche Fragen näher ein (siehe dieser Post). Wir beginnen so viele weitere Themen in einem neuen Licht zu sehen: Religionen und Weltanschauungen kristallisieren sich als Ersatzkonstrukte für die biblische Offenbarung heraus. Die externen, aus der Schöpfung abgeleiteten, und die internen, vom Menschen selbst abgeleiteten Gottesbeweise müssen umgekehrt betrachtet werden: Nicht Gott steht auf dem Prüfstand, sondern wir! Der menschliche Verstand ist zwar in einen dicken „epistemologischen Nebel“ eingehüllt. Trotzdem ist er immer noch in der Lage, viele Dinge zu erkennen — dank Gottes Allgemeiner Offenbarung. Auch was das Problem des Bösen betrifft, verhilft es uns zu einer neuen Sichtweise: Ohne die Allgemeine Offenbarung wären wir ja gar nicht in der Lage, etwas als böse zu erkennen! Wodurch sind die Menschen in der Lage, wahre Liebe unter Christen zu erkennen (Joh. 13,35)? Auch dies ist auf Gottes Allgemeine Offenbarung zurückzuführen.

Die Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts leben in einer vergleichbaren Situation wie die Bürger des römischen Reiches zur Lebenszeit von Paulus, nämlich in einer Umgebung des religiösen Pluralismus (112). Welch ideale Anknüpfungspunkte ergeben sich dadurch für uns Christen! Ich kehre zurück in die Niederungen meines Alltags: Wie manche Hochzeiten und andere „christliche“ Anlässe habe ich schon erlebt, die nach folgendem Muster aufgebaut waren: Viele Lebensweisheiten wurden mit einigen biblischen Zutaten „dekoriert“. Teile des Evangeliums, also der Speziellen Offenbarung, tauchten ganz unvermittelt und zusammenhangslos auf. Es schien fast, als ob sie in keinem Zusammenhang mit dem übrigen Leben stehen würden. (Das andere Extrem ist mir auch vertraut.

Die biblische Botschaft wird in einer nur einem Insider-Kreis verständlichen Sprache, kombiniert mit vielen kryptischen Hinweisen und Symbolen, dargeboten.) Dieses Buch schliesst darum eine wichtige Lücke: Es zeigt auf, wie die Allgemeine Offenbarung zu allen Menschen, die sich in einem ethischen Empfinden wie auch in vielen (oft unterdrückten) Ängsten und Hoffnungen niederschlägt, adressiert werden dürfen und müssen.  Dafür braucht es allerdings ein Training. Wir müssen uns die „Methode der Korrelation“ anzueignen beginnen. Also: Nimm und lies!

Hanniel Strebel, www.hanniel.ch

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